Freitag, 26. Oktober 2007
Michael Stein ist gestorben, und ich…
pandusch, 15:47h

…stelle mir einmal mehr die Frage, wie man leben soll. Wie ich leben soll. Ich kannte Michael nicht persönlich, nur von zahlreichen Besuchen bei den Surfpoeten. Wenn er bekifft war und stundenlang monologisiert hat, hat er mich fast in den Wahnsinn getrieben. Und dann wieder fand ich ihn irre genial, und seine Polemik gegen die Erwerbsarbeit und für das Schwarzfahren kam mir ebenso platt wie urlogisch vor.
Apropos Rauchen: Man sah Michael an, dass er eher so lebt, was unsere Eltern mit „zügellos“ bezeichnen würden. Das hat mir gefallen, mich aber auch immer wieder nachdenklich gemacht. Während mir die Augen tränten – denn Michael war nun wirklich nicht der Einzige, der bei den Abenden der Surfpoeten geraucht hat – ging fast jedes Mal das Denktheater los, ob es nicht vielleicht doch das Beste ist, voll nach den Maßstäben von Spaß und spontanem Impuls und einfach drauflos zu leben, so das eigene Lebensgefühl aufs Maximum zu puschen und die Zukunft (und mit ihr mögliche Folgen) dem Schicksal zu überlassen. Oder nicht doch lieber die Vernunftsvariante ohne Alkohol und Zigaretten, dafür mit Sport und regelmäßig Schlafen?
Ich weiß es immer noch nicht, und selbst Michaels Tod enthält für mich nicht die Antwort. Wenn ihm sein Leben genau so gefallen hat und alles andere nur eine halbe Sache gewesen wäre, dann war es vielleicht genau richtig. Dann wird man nur Vierzig oder so, hat aber nahe der 100 Prozent gelebt. Oder ist das bloß eine Verherrlichung? Hat nicht möglicherweise auch jemand wie Michael Stein gegen den eigenen Verstand gelebt, Energie verpulvert und letzten Endes genau aus dem Grund den Poker verloren?
Der einzige Gedanke, den ich bisher als Orientierung begreife, ist, dass wenn man schon überhaupt solche Überlegungen anstellt, man besser nicht mehr leben sollte wie Michael Stein. Ich glaube, gegen den eigenen Vernunftsimpuls an zu leben, verleiht dem „Trotzdem“ eine negative Energie, die sich früher oder später auswirkt. „Sündigen“ ja, aber wenn mit voller Überzeugung, nicht mit gespaltenem Herzen. Und da ich immer mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen geraucht habe, rauche ich wohl besser gar nicht mehr. Was das für andere Dinge bedeutet, ist noch eine andere Frage.
Am Ende fällt mir noch das ironische Timing auf. Michael hat sich rechtzeitig zum Inkrafttreten der neuen Rauchergesetze davon gemacht. Ein weiterer Hinweis darauf, dass ein Stück echte Lebensqualität der Justiz zum Opfer gefallen ist? Ich bin froh, dass ich demnächst nicht mehr so häufig im Nebel sitzen muss. Höchst schade und traurig, dass der freie Blick auf die Poeten-Bühne nicht mehr Michael Stein gelten kann...
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